"Die Presse" vom 03.07.2013
Ex-BIFIE-Chefs: Schmied sagte Studie "aus politischen Gründen" ab
Lehrerstudie
"Die vom Unterrichtsministerium verbreitete
Unwahrheit darf nicht unwidersprochen bleiben", sagt Günter Haider, der
ehemalige BIFIE-Direktor. Die Talis-Studie hätte sehr wohl neue Erkenntnisse
gebracht und wäre außerdem "verhältnismäßig preisgünstig" gewesen.
von Julia Neuhauser
(WIEN) Es steht Aussage gegen Aussage -
und zwar die von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) gegen jene der
ehemaligen Chefs des ministeriumstreuen Bundesinstitut für Bildungsforschung
(BIFIE). Während die Ministerin behauptet, aus rein sachlichen und finanziellen
Gründen nicht an der internationalen Lehrerstudie Talis 2013 (Teaching and
Learning International Survey) teilgenommen zu haben, widersprechen ihr sowohl
Josef Lucyshyn als auch Günter Haider vehement.
"Die vom Ministerium verbreitete Unwahrheit darf nicht unwidersprochen bleiben", sagt Haider zur "Presse" und macht damit seine in den vergangenen Wochen vorsichtig
angedeuteten Vorwürfe erstmals öffentlich. Die vom Unterrichtsministerium vorgebrachten Ablehnungsgründe für die Durchführung der Talis-Studie 2013
"waren weder finanzielle Motive noch der mangelnde Informationsgehalt der
Studie". Bei den Sitzungen zwischen dem Ministerium und dem BIFIE seien
"ausschließlich politische Gründe ins Treffen geführt" worden. Man wäre doch nicht dumm, der Lehrergewerkschaft neuerlich Argumente zu liefern, das habe Sektionschef Kurt Nekula gesagt, berichtet Haider.
Keine Kosten für Ministerium
Die Talis-Studie ist so brisant, weil sie die Lehrerarbeit und die Arbeitsbedingungen an den Schulen in den OECD-Ländern untersucht. Österreich nahm an der Studie bereits im Jahr 2008 teil - mit einem erschreckenden Ergebnis: In keinem anderen Land gibt es weniger Schulpsychologen, Sozialarbeiter und unterstützendes administratives Personal als in Österreich.
Hätte die Talis-Studie 2013 dasselbe oder zumindest ein ähnliches Bild gezeigt, dann wäre das ein schlagkräftiges Argument für die Gewerkschaft gewesen. Diese fordert seit Anbeginn der Verhandlungen zum neuen Lehrerdienstrecht, dass mehr Unterstützungspersonal an den Schulen eingesetzt wird.
Das Ministerium erklärte die Nichtteilnahme bislang mit zwei Argumenten. Erstens sei der Erkenntnisgewinn einer neuerlichen Studie gering - es habe weder Veränderungen bei Arbeitszeit noch beim Dienstrecht gegeben. Zweitens wäre die Talis-Studie "wesentlich
teurer als die behaupteten 15.000 Euro" gewesen. Die Talis-Studie 2008 sei im Projektplan des BIFIE mit 345.000 Euro ausgewiesen worden, so das Ministerium.
Weder Lucyshyn noch Haider wollen diese Argumente gelten lassen. "Dem BMUKK wären überhaupt keine zusätzlichen Kosten erwachsen", sagt Lucyshyn. Haider bestätigt das. Das BIFIE hätte die Kosten der Talis-Studie aus dem bereits durch den Nationalrat bewilligten Budget bezahlt. Das wäre durch Kürzungen bei anderen Studien und durch interne Umschichtungen möglich gewesen. Abgesehen von den anfallenden Personalkosten wären die Aufwendungen für die Durchführung der Studie ohnehin gering gewesen. Und auch das "Nenngeld", das bei der OECD zu entrichten gewesen wäre,
hätte das BIFIE übernommen, so die beiden Ex-Direktoren.
"Selbst wenn die Studie 345.000 Euro gekostet hätte, wäre sie für das BIFIE eine verhältnismäßig preisgünstige und kleine Studie gewesen", so Haider. Zum Vergleich: Allein die Entwicklungskosten für die Bildungsstandards haben in den Jahren 2008 bis 2011 rund elf Millionen Euro gekostet.
Außerdem hätte es sehr wohl neue Erkenntnisse gegeben, so die beiden. Bei Talis 2013 wären erstmals auch Volksschulen sowie die Sekundarstufe II überprüft worden (bisher nur die Sekundarstufe I). Außerdem hätten die Arbeitsbedingungen an den im vergangenen Jahr getesteten PISA-Schulen untersucht werden können.